wie das immer so ist, zum Jahresende hin erwischt es noch den einen oder anderen und dann wird man, trotz oder gerade wegen einem großartigen Jahr, zum Schluss noch sehr wehmütig und teilweise auch melancholisch.

Da ich mir für heute vorgenommen habe, spätestens um 15:00 Uhr mein Handy in den wohlverdienten Flugmodus zu versetzen und es nur noch für das Steuern der Musik zu nutzen, Stichwort Entschleunigung, schreibe ich noch im Vorfeld diese Zeilen. Nicht nur, um meine Gedanken mit euch zu teilen, sondern auch, um DANKE für dieses Jahr und alles was dazu gehört zu sagen. Ich bin wirklich sehr DANKBAR für alles was dieses Jahr passiert ist, die tollen Sachen überwiegen für mich ganz klar, aber auch die nicht so schönen, teilweise sogar sehr traurigen Dinge, möchte ich nicht außer Acht lassen, denn auch sie haben mich massiv geprägt, einmal mehr.

In diesem Jahr sind leider nicht nur wieder großartige Menschen von uns gegangen, denen ich sehr verbunden war, sondern „auf den letzten Drücker“ noch ein Schauspieler, mit dem ich sehr schöne Kindheitserinnerungen verbinde (Jan Fedder), u.a. einer der bekanntesten Dirks für mich, und last but not least eine weitere unvegessliche/-ersetzbare Location, in der ich schon sooooo viel Zeit zugebracht und so einiges erlebt habe. Denn auch die, immerhin stolze 36 Jahre alt gewordene, Rockfabrik in Ludwigsburg, hat/wird uns verlassen und ist dem Kapitalismus zum Opfer gefallen.

Anlass genug, um sich gestern nochmal in Ruhe und Würde von der „alten Dame“ zu verabschieden und alles auf eine Karte zu setzen, in dem man sich im Bistro sogar noch etwas zu essen bestellt, auch wenn es „nur Pommes“ waren. Was soll ich sagen, ich lebe noch. Und was noch viel wichtiger, die Frage, die ich mir in letzter Zeit häufiger gestellt habe, ob ich nun mehr der Punk unter den Spießernn, oder doch vielmehr der konservative Spießer unter den Punks bin, wurde ENDLICH beantwortet. Denn genau das hat die Rockfabrik schon immer ausgemacht und war auch gestern in jedem Winkel des gut erhaltenen Bunkers spürbar. Hier gibt es keine klassischen Konventionen, von der „Tür“ wurde/wird man nur in sehr seltenen Fällen abgewiesen und das dann mehr oder minder aus Schutz vor sich selbst, nicht weil man die falschen Schuhe/Klamotten anhat oder den Secus das Gesicht nicht gefällt. Hier trifft/traf der konservative Herr Oberstudienrat, der sobald die ersten Akkorde von Ramsteins „du riechst so gut“ erklingen, ganz nach vorne prischt, auf die deutlich jüngere Sabine, die eigentlich ihr Leben als Büroeinzelhandelskauffrau in der Spedition ihres Herrn Papa fristet, aber im Nachleben als Steam-Punk „verkleidet unter ihrem Pseudonym Crazy Cathy ihre Gogo-Tänzerinnen-Moves oben, im knappen neonfarbenen Outfit, auf der Box zum Besten gibt. Und würden sich diese beiden Individuen im „normalen“ alltagsgrauen Leben nicht einmal annährend die Klinke in die Hand geben, weil sie dann doch aus unterschiedlichen Welten stammen, teilen Sie in diesem Moment, in diesen paar Stunden, in dieser (einen) Nacht, nicht nur die Tanzfläche, sondern stehen sogar in der gleichen Schlange für ein Getränk ihrer Wahl an. In sehr seltenen Fällen, gehen sie sogar im Anschluss gemeinsam Heim. Zugegeben, da schwingen natürlich auch sehr viele Klischées mit und meine Fantasie geht etwas mit mir durch. Aber erstens treffen die ganz bestimmt immer wieder zu in diesem Laden, denn hier gibt es nichts, das es nicht gibt und wenn die Wände erzählen könnten, was sie schon so alles erlebt und gesehen haben, würden wir vermutlich allesamt vor Scham rot anlaufen. Und zweitens, macht AUCH DAS genau diese einzigartige und unverwechselbare Atmosphäre aus. Lass‘ deinen Gedanken freien Lauf, genieß‘ es und sei einfach du selbst, ohne von anderen herablassend be(gut)achtet zu werden. Das ist der Spirit, den ich auf ewig mit der Rofa in Ludwigsburg verbinden werde. Natürlich, könnte ich als bekennender Musikliebhaber, jetzt auch auf etliche Bands eingehen, die ich hier schon erleben durfte, bis charakterlose Massenimmobilien nicht nur in Ludwigsburg, sondern leider auch im kompletten Umland, Einzug gehalten haben, doch das würde den Rahmen definitiv sprengen. Jede(r) die/der bereits mal dort gewesen ist, weiß genau wovon ich hier spreche und wird mir hoffentlich beipflichten.

Ich wurde gestern gefragt, wie sich das anfühlt, zu wissen, dass die eigene Tochter keinen Fuß in die Rofa setzen wird. Und nachdem ich erst geschmunzelt habe, weil es sich nach so einer klassischen Smaltalk-Floskel anhörte, wurde ich, als ich die Worte und Tatsache realisierte, ebenfalls immer wehmütiger. Nicht nur, weil die Rofa ebenfalls dem Kommerz und der zunehmenden Habgier der großen Konzerne weichen muss und dadurch ein weiteres Puzzlestück der sehr musikgeprägten Jugend für zu fehlen scheint, sondern auch, weil ich mich sorge, um die Kultur, die Kleinkunst, die charismatischen Läden mit Herz, die uns soviel bedeuten und einfach dem Erdboden gleichgemacht werden, das macht mich traurig.

Um so wichtiger ist es, dass wir uns das von nichts und niemandem nehmen lassen, wir müssen unbedingt bunt und laut bleiben, einstehen für die Sache, uns vereinen, Nächstenliebe leben und nicht nur propagieren und auf jeden Fall diese ganzen Erinnerungen mit unseren Lieben, der Familie, den Kindern, Freunden und Gleichgesinnten teilen.

Neben der Tatsache, dass ich jetzt ab morgen bis zu meinem Geburtstag wieder Süßigkeiten und Alkohol fasten werde, und ich mir auf Grund des Erlebten vorgenommen habe, dass ich noch ein paar „altehrwürdige Läden“ der Republik, nicht nur bereisen, sondern auch erleben möchte, ist das einer meiner Vorsätze für das kommende und hoffentlich die kommenden Jahre, in dem Sinne.

So, das war’s von mir, dem Spießer unter den Punks und dem Punk unter den Managern, ich war, bin und bleibe mir treu und wünsch‘ mir das auch für euch. Wenn zwei oder mehr Herzen in eurer Brust schlagen, dann steht dazu und versucht keines davon vom Schlagen abzuhalten, frohes Neues.

Eure ma.de

PS: Der einzige Wehmutstropfen ist das letzte Lied, das ich auf ewig mit der Rofa verbinden werden, denn das ist nicht etwa „run to the hills“, „smells like teen spirit“ oder „basketcase“, sondern die ebenfalls nicht mehr ganz taufrische Cher mit ihrem Welthit „if i could turn back time“…nuja, das muss ich erstmal sacken lassen. Aber vielleicht ist auch, gerade wegen der Absurdität, das passende I-Tüpfelchen für diese Ära. In Erinnerung wird es mir auf jeden Fall bleiben.

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